Wie bei mir alles begann
Rückblickend hat alles sehr leise begonnen. Es gab keinen klaren Moment, keinen Unfall, kein einschneidendes Ereignis, das mir sofort gezeigt hätte: „Jetzt stimmt etwas nicht.“ Es waren Kleinigkeiten, die sich langsam in meinen Alltag geschlichen haben – so unauffällig, dass ich sie zunächst ignorierte oder rational erklärte.
Am Anfang waren es vor allem die Worte. Ich merkte, dass mir Begriffe fehlten, die früher selbstverständlich waren. Ich wusste genau, was ich sagen wollte, hatte das Bild im Kopf, die Bedeutung war da – aber das passende Wort wollte einfach nicht kommen. Manchmal umschrieb ich es, manchmal wechselte ich das Thema, manchmal lachte ich darüber. Ich hielt es für Stress, Überlastung oder einfach für normale Vergesslichkeit.
Doch es wurde häufiger. Ich begann Dinge falsch zu benennen oder Begriffe zu verwechseln. Gegenstände, die mir mein Leben lang vertraut gewesen waren, fühlten sich plötzlich fremd an. Ich sah sie, erkannte sie irgendwie – aber ihre Bedeutung war nicht mehr klar. Es war, als würde mein inneres Wörterbuch langsam Lücken bekommen.
Gleichzeitig merkte ich, dass Gespräche anstrengender wurden. Ich hörte die Worte, verstand die Sätze, aber der tiefere Sinn ging mir manchmal verloren. Ironie, Zwischentöne oder komplexe Inhalte musste ich mir regelrecht „zusammenrechnen“. Das kostete Energie und verunsicherte mich.
Das Beunruhigende war: Nach außen wirkte ich lange Zeit fast normal. Ich funktionierte im Alltag, ging meiner Arbeit nach, lachte, diskutierte. Aber innerlich spürte ich, dass etwas nicht mehr stimmte. Ein Gefühl, das schwer zu beschreiben ist – als würde man langsam den Zugang zu einer Sprache verlieren, die man eigentlich perfekt beherrschen sollte.
Der Wendepunkt kam, als nicht nur ich, sondern auch mein Umfeld die Veränderungen bemerkte. Menschen stellten mir Fragen, die ich früher mühelos beantwortet hätte – und ich blieb plötzlich stumm. Nicht, weil ich nichts wusste, sondern weil die Worte fehlten. Das war der Moment, in dem aus einem diffusen Gefühl eine echte Angst wurde.
Ich begann ärztliche Abklärungen, zunächst mit dem Verdacht auf Stress, Depression oder Burnout. Erst nach zahlreichen Untersuchungen, Gesprächen und Bildgebungen des Gehirns fiel schließlich der Begriff, der mein Leben veränderte: Frontotemporale Demenz, semantische Variante.
Eine Diagnose, die nicht laut kommt, sondern still. Und deren Bedeutung man erst nach und nach begreift.